• Neuer jüdischer Friedhof in Warta
In der polnischen Kleinstadt Warta war einst die Mehrheit der Einwohner jüdisch. Fast alle wurden im Holocaust ermordet. Heute erinnert vor allem der jüdische Friedhof an ihre ausgelöschte Kultur.
Bild:Warta, vermutlich Herbst 1939, Der Rabbinersohn Hersz Laskowski wird von Männern in deutscher Uniform gedemütigt, Instytut Pamięci Narodowej, Warszawa
Warta, vermutlich Herbst 1939, Der Rabbinersohn Hersz Laskowski wird von Männern in deutscher Uniform gedemütigt, Instytut Pamięci Narodowej, Warszawa

Bild:Warta, 2019, Friedhof mit dem Denkmal der zehn Männer, die 1942 erhängt wurden, Stowarzyszenie im. Ireneusza Ślipka na rzecz dialogu polsko-żydowskiego
Warta, 2019, Friedhof mit dem Denkmal der zehn Männer, die 1942 erhängt wurden, Stowarzyszenie im. Ireneusza Ślipka na rzecz dialogu polsko-żydowskiego
Die Stadt Warta, am gleichnamigen Fluß etwa 50 km westlich von Lodz (polnisch: Łódź) in Zentralpolen gelegen, hatte ihre Blütezeit im Mittelalter. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stadt zum Russischen Zarenreich. Warta blieb auch nach dem Ersten Weltkrieg wirtschaftlich unbedeutend. Etwas mehr als die Hälfte der knapp 5.000 Einwohner waren Juden, die meisten von ihnen lebten vom Handwerk.
Warta lag nah an der polnischen Westgrenze, so dass die Stadt bereits wenige Tage nach dem deutschen Angriff von der Wehrmacht eingenommen wurde. Große Teile der Stadt und auch die Synagoge wurden während der Kämpfe zerstört. Juden hatten unter der Besetzung von Anfang an besonders zu leiden: Bereits in den ersten Tagen schikanierten deutsche Soldaten Juden und schnitten ihnen die Schläfenlocken ab. Bekannte Fotos, die vermutlich in diesen Tagen entstanden, zeigen die Demütigung des Rabbiners Eliasz Laskowski und seines Sohnes Hersz.
Die Stadt wurde bald dem »Reichsgau Wartheland« zugeordnet und ins Deutsche Reich eingegliedert. Juden mussten Zwangsarbeit leisten, Abgaben zahlen und einen »Judenstern« zur Kennzeichnung tragen. Im Februar 1940 richteten die deutschen Behörden ein Ghetto in Warta ein, in das alle Juden umziehen mussten. Die Häuser dort waren so gut wie unbewohnbar.
Ab 1941 wurden viele Juden in Zwangsarbeitslager verschleppt. Im Ghetto durften nur noch wenige arbeiten, so dass sich die Lebensverhältnisse weiter verschlechterten.
Am 14. April 1942 wurden zehn jüdische Männer aus dem Ghetto bei den Ruinen der Synagoge öffentlich erhängt. Unter den Ermordeten waren auch Eliasz und Hersz Laskowski.
Am 24. und 25. Juli 1942 wurde das Ghetto endgültig aufgelöst. Etwa 400, für arbeitsfähig erachtete Juden wurden ins Ghetto Lodz überstellt. Alle anderen wurden zuerst in eine Kirche eingesperrt. Drei Tage später wurden sie ins nahegelegene Vernichtungslager Kulmhof (Polnisch: Chełmno) verschleppt und dort mit Motorabgasen ermordet.
Bild:Warta, vermutlich Herbst 1939, Der Rabbinersohn Hersz Laskowski wird von Männern in deutscher Uniform gedemütigt, Instytut Pamięci Narodowej, Warszawa
Warta, vermutlich Herbst 1939, Der Rabbinersohn Hersz Laskowski wird von Männern in deutscher Uniform gedemütigt, Instytut Pamięci Narodowej, Warszawa

Bild:Warta, 2019, Friedhof mit dem Denkmal der zehn Männer, die 1942 erhängt wurden, Stowarzyszenie im. Ireneusza Ślipka na rzecz dialogu polsko-żydowskiego
Warta, 2019, Friedhof mit dem Denkmal der zehn Männer, die 1942 erhängt wurden, Stowarzyszenie im. Ireneusza Ślipka na rzecz dialogu polsko-żydowskiego
Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Warta schätzungsweise etwa 2.000 Juden. Die meisten von ihnen starben aufgrund der miserablen Lebensbedingungen im Ghetto, kamen in Zwangsarbeitslagern um oder wurden im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Nur wenige Juden aus Warta überlebten den Holocaust.
Bild:Warta, o.D., Die Synagoge von Warta, gemeinfrei
Warta, o.D., Die Synagoge von Warta, gemeinfrei

Bild:Warta, 2012, An der Stelle der zerstörten Synagoge steht heute das Postgebäude, Arkadiusz Fochtman
Warta, 2012, An der Stelle der zerstörten Synagoge steht heute das Postgebäude, Arkadiusz Fochtman
Nach dem Krieg kehrten nur noch wenige Juden nach Warta zurück. Am 13. Dezember 1945 ermordeten einheimische Polen zwei Juden auf offener Straße, woraufhin am nächsten Tag alle Juden die Stadt verließen. Seitdem leben in Warta keine Juden mehr.
Jahrzehntelang kümmerte sich niemand um den Erhalt der noch vorhandenen Spuren einstigen jüdischen Lebens. Das Gelände des alten jüdischen Friedhofs, während der deutschen Besatzung vollkommen zerstört, wurde bebaut. In den 1980er Jahren begann ein einzelner Bürger, Ireneusz Ślipek (1935–2006) damit, den verlassenen neuen jüdischen Friedhof zu pflegen. Er brachte jüdische Grabsteine auf den Friedhof zurück und versuchte, zerbrochene Grabsteine wieder zusammenzusetzen. Insgesamt stellte er bis zu seinem Tod über 1.000 Grabsteine wieder auf. Heute kümmert sich ein Verein, der Ślipeks Namen trägt, um den Erhalt des Friedhofs. Dort befinden sich auch die Gräber der beiden Juden, die im Dezember 1945 ermordet wurden, aber auch ein Gedenkstein für die zehn im April 1942 erhängten jüdische Männer.
An der Außenmauer vom Postgebäude, das an der Stelle der einstigen Synagoge gebaut wurde, befindet sich eine Gedenktafel, die an die zehn 1942 dort erhängte jüdische Männer erinnert.
Bild:Warta, 2019, Der wieder gepflegte jüdischer Friedhof, Stowarzyszenie im. Ireneusza Ślipka na rzecz dialogu polsko-żydowskiego
Warta, 2019, Der wieder gepflegte jüdischer Friedhof, Stowarzyszenie im. Ireneusza Ślipka na rzecz dialogu polsko-żydowskiego

Bild:Warta, 2012, Grabstein für die beiden 1945 ermordeten Juden, Arkadiusz Fochtman
Warta, 2012, Grabstein für die beiden 1945 ermordeten Juden, Arkadiusz Fochtman
Name
Nowy cmentarz żydowski w Warcie
Adresse
ul. Sadowa/ul. Kazimierza Deczyńskiego
98-290 Warta
Telefon
+48 (0)602 248 913
Web
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E-Mail
biuro@zydziwarta.pl