Europäische Holocaustgedenkstätte

Europäische Holocaustgedenkstätte


In der Umgebung von Landsberg am Lech entstanden ab 1944 insgesamt elf Zwangsarbeitslager. Bis 1945 durchliefen etwa 30.000 Menschen die Lager, vor allem Juden. Etwa 14.500 von ihnen kamen durch harte Arbeit, Krankheiten, Selektionen und Todesmärsche ums Leben. Seit 1985 erinnert die Europäische Holocaustgedenkstätte auf einem der ehemaligen Lagergelände an das Schicksal der Opfer.

Geschichte

Die mittelalterliche Stadt Landsberg liegt in Oberbayern am Steilufer des Lechs. In der Neuzeit wurde die Stadt zur Festung ausgebaut. Nach seinem gescheiterten Putsch im November 1923 trat Adolf Hitler in der Festung Landsberg seine fünfjährige Haftstrafe wegen Hochverrats an. Von seiner Strafe musste er jedoch nur etwa zwei Jahre verbüßen. Während seiner Haft schrieb er hier sein Buch »Mein Kampf«, das zur programmatischen Schrift der NSDAP wurde.
Während des Zweiten Weltkriegs entstand in der Umgebung von Landsberg ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau mit mehreren Außenkommandos: Im Juni 1944 errichtete die SS im Ort Kaufering ein Zwangsarbeitslager, insgesamt bestand der Lagerkomplex Kaufering aus elf Lagern. Die Häftlinge mussten in der Rüstungsproduktion Zwangsarbeit leisten. Die Organisation Todt (OT) setzte die Häftlinge auf Baustellen für Großbunker ein, in denen Jagdflugzeuge hergestellt werden sollten. In der Nähe von Landsberg wurde mit dem Bau von drei Bunkeranlagen begonnen. Die ersten Häftlinge trafen Mitte 1944 in Kaufering ein, vor allem Juden aus Ghettos in Polen und Litauen. Später kamen noch Juden aus Ungarn dazu, die auf Fußmärschen nach Bayern getrieben worden waren. In den größeren Lagern drängten OT und SS mehr als 3.000 Menschen zusammen. Die Lebensbedingungen waren äußerst primitiv: Die Juden mussten in einfachen Erdbaracken leben, die gegen Witterung und Kälte nahezu keinen Schutz boten. Krankheiten breiteten sich schnell aus und forderten viele Tote. Die kranken, arbeitsunfähigen Häftlinge selektierte die SS, deportierte sie nach Auschwitz und ermordete sie dort mit Giftgas. Harte Arbeit und mangelhafte Ernährung führten ebenfalls dazu, dass viele Häftlinge starben. Im März 1945 lebten noch etwa 10.000 Häftlinge in den Kauferinger Lagern. Die meisten schickte die SS Anfang April 1945 auf einen Todesmarsch nach Dachau. Ein Teil der Häftlinge wurde dort befreit, andere irrten bis Anfang Mai 1945 durch Bayern.

Opfergruppen

Insgesamt durchliefen von Juni 1944 bis April 1945 etwa 30.000 Menschen die Lager bei Landsberg. Historiker schätzen, dass etwa die Hälfte von ihnen durch die harte Arbeit, Krankheiten oder in den Gaskammern von Auschwitz ums Leben kam. Fast alle der Gefangenen waren Juden. Die überwiegende Mehrzahl waren Männer. In den Kaufering-Lagern gab es aber auch etwa 4.200 Frauen und ungefähr 850 Kinder.

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Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann die staatliche Verfolgung der Gegner des Regimes, von Juden, als »Zigeuner« bezeichneten Roma, Patienten sowie zahlreichen anderen Gruppen. Antisemitismus wurde erstmals Bestandteil der Regierungspolitik eines modernen Staates, die Verfolgung aller Gruppen schrittweise verschärft. Dabei griffen staatliche Verordnungen, Gewalttaten von Anhängern des Regimes und die Hetze der Presse ineinander. Der Terror gegen Juden im November 1938 (»Kristallnacht«) mit etwa hundert Toten bildete den Scheitelpunkt hin zur vollständigen Ausgrenzung und Ermordung der jüdischen Minderheit. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 gerieten weite Teile Europas unter deutsche Herrschaft. Insbesondere im Osten entstand ein vielgliedriges System von Lagern und Mordstätten, in dem die SS bis zu sechs Millionen Juden, unter ihnen etwa 165.000 deutsche Juden, ermordete. Die Zahl der übrigen Deutschen, die in Folge des Krieges ihr Leben verloren, wird auf etwa sieben Millionen geschätzt, darunter fast 3,5 Millionen Zivilisten. Etwa 28 Millionen Einwohner der besetzten Sowjetunion (Soldaten und Zivilbevölkerung) und drei Millionen nichtjüdische Polen kamen gewaltsam zu Tode; an sie wird in Deutschland bis heute kaum erinnert. Deutschland wurde 1945 von den Alliierten besetzt; 1949 entstanden die Deutsche Demokratische Republik (DDR) und die Bundesrepublik Deutschland (BRD) mit sehr unterschiedlichen Gedenkkulturen. In der DDR dominierte die Selbstinterpretation als »antifaschistischer« deutscher Nachfolgestaat. Die Orte der ehemaligen Konzentrationslager (KZ) Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen wurden zu »Nationalen Mahn- und Gedenkstätten« und stellten vor allem den kommunistischen Widerstand dar. In der Bundesrepublik dominierte zunächst die Erinnerung an die Opfer der alliierten Bombenangriffe, von Flucht und Vertreibung. Das Gedenken an die nationalsozialistische Verfolgung, den Holocaust oder den Widerstand war einzelnen Gruppen überlassen, Täter und Tatbeteiligungen – außerhalb juristischer Prozesse – kein Gegenstand öffentlicher Diskussion. Das änderte sich ab Mitte der 1960er Jahre, als nach intensiver Debatte die Verjährung für Mord aufgehoben wurde. Gleichzeitig entstanden Erinnerungsstätten an Orten ehemaliger KZ (1965: Dachau und Neuengamme; 1966: Bergen-Belsen) und die Gedenkstätte Deutscher Widerstand 1968 in West-Berlin. Erst in den 1980er Jahren entwickelte sich durch lokale Initiativen eine vielfältige, oft kleinteilige Erinnerungslandschaft. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands 1990 wurden eine gesamtstaatliche Gedenkstättenkonzeption entwickelt und Orte der Erinnerung umfangreich überarbeitet. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin konnte 2005 der Öffentlichkeit übergeben werden. Eine umfangreiche Dokumentation der nationalsozialistischen Verbrechen und ihrer Täter, die Topographie des Terrors, wurde im Mai 2010 eröffnet; das Ausstellungszentrum »Flucht, Vertreibung, Versöhnung« folgte 2021. Mittlerweile erinnern zentrale Denkmäler in Berlin auch an weitere Opfergruppen: An die ermordeten Sinti und Roma, an die Opfer im Rahmen der NS-»Euthanasie« ermordeten Patienten und an die verfolgten Homosexuellen. Die Opfer des nationalsozialistischen Terrors in den früheren Ostgebieten fielen nach Kriegsende einem doppelten Vergessen anheim. Die Erinnerung blieb für Jahrzehnte auf landsmannschaftliche Verbände in der BRD beschränkt und schloss die Zeit von 1933 bis 1945 meist aus. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs nehmen sich jedoch deutsche, polnische, litauische und russische Initiativen auch dieses Teils der deutschen Vergangenheit an.

Erinnerung

Im April 1945 besetzten amerikanische Truppen Landsberg. Sie befreiten die Überlebenden aus den Lagern und brachten sie in der Landsberger Saarburg-Kaserne unter. Die meisten der ehemaligen Häftlinge konnten und wollten nicht zurück in ihre Heimatorte, viele hatten alle Angehörige verloren. Diese so genannten Displaced Persons (DP) warteten in für sie eingerichteten DP-Camps auf ihre Weiterreise. Im Landsberger DP-Camp hielten sich zeitweilig bis zu 6.000 Menschen auf. Es war das größte Lager dieser Art in der US-Zone. Insgesamt haben das DP-Camp bis zu seiner Auflösung 1950 etwa 23.000 Menschen durchlaufen, die überwiegende Mehrheit waren Juden. In der Landsberger Festung waren zur gleichen Zeit Angeklagte der Nürnberger Prozesse inhaftiert, unter ihnen Oswald Pohl und Otto Ohlendorf. Mehr als 250 Todesurteile gegen verurteilte, nationalsozialistische Verbrecher wurden bis 1951 in Landsberg vollstreckt. Ein großer Teil der Einwohner Landsbergs ergriff Partei für die Gefangenen, die verantwortlich für Deportationen und Massenmorde an Juden waren und auf ihr Todesurteil warteten. Mehrmals gerieten Einwohner Landsbergs und Bewohner des DP-Camps aneinander: Die Landsberger setzten sich für die Begnadigung der NS-Verbrecher ein, die jüdischen Überlebenden protestierten, um die Rechtmäßigkeit der Urteile gegen die Mörder zu unterstreichen. Viele Juden wurden antisemitisch angefeindet.
An die Zwangsarbeitslager in der Umgebung von Landsberg erinnerte lange Zeit nichts. 1983 schloss sich eine Bürgerinitiative zusammen, um die Ruinen der Kauferinger Lager zu bewahren und der Opfer zu gedenken. 1985 begannen die Mitglieder mit dem Aufbau der Europäischen Holocaustgedenkstätte, nachdem sie das Gelände des ehemaligen Lagers »Kaufering VII« erworben hatte. Nach und nach wurden mehrere Gedenksteine errichtet, die an die Opfer der Kauferinger Lager erinnern. Seit 2009 wird die Gedenkstätte durch die Europäische Holocaustgedenkstätte Stiftung e.V. betreut.

Angebote

Führungen nach Absprache

Öffnungszeiten

jederzeit zugänglich

Kontakt

http://www.landsberger-zeitgeschichte.de/Gedenkstaette.htm

EuropaeischeHolocaustgedenkstaette@gmx.de

+49 (0)8191 392 98

Erpftinger Straße
86899 Landsberg am Lech