• Erinnerung an die Opfer des Pogroms von Kielce
Das Pogrom von Kielce war die blutigste antijüdische Ausschreitung im Polen der Nachkriegszeit. Die meisten Juden verstanden es als Signal, dass sie keine Zukunft mehr in Polen hätten, und verließen kurz darauf das Land.
Bild:Kielce, o.D., Historische Ansichtskarte, gemeinfrei
Kielce, o.D., Historische Ansichtskarte, gemeinfrei

Bild:Kielce, 2006, Haus in der ul. Planty – Hauptschauplatz des Pogroms, Grzegorz Pietrzak
Kielce, 2006, Haus in der ul. Planty – Hauptschauplatz des Pogroms, Grzegorz Pietrzak
Kielce ist eine Großstadt auf halbem Wege zwischen Warschau und Krakau. Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte die Stadt zum Russischen Zarenreich. Unmittelbar vor dem Zweiten Weltkrieg waren 25.000 der um die 71.500 Einwohner Juden, das entspricht einem Anteil von etwa 35%.
Während der deutschen Besatzung wurden fast alle jüdischen Einwohner von Kielce ermordet – die meisten von ihnen im August 1942 im Vernichtungslager Treblinka, nachdem sie über ein Jahr in Kielce im Ghetto leben mussten.
Nach dem Krieg hielten sich etwa 200 Überlebende des Holocaust in Kielce auf, einige von ihnen stammten ursprünglich aus anderen Gegenden. Etliche Juden lebten im Haus unter der Adresse Ulica Planty 7, in dem auch viele jüdische Organisationen ihren Sitz hatten. Am 4. Juli 1946 brach sich der schwelende Antisemitismus von weiten Teilen der Bevölkerung von Kielce bann. Als die aus der Luft gegriffene Behauptung die Runde machte, dass die Juden christliche Kinder gefangen hielten, versammelte sich eine wütende Menschenmenge vor dem Haus in der ul. Planty. Nachdem uniformierte Einheiten (Miliz und Armee) vor Ort eintrafen, eskalierte die Situation. Statt den Juden zu helfen oder die Ordnung aufrecht zu erhalten, lieferten sie viele Juden der Menge aus, die sie sofort lynchte. Viele Juden starben jedoch an Schusswunden, ein Beweis, dass sie von Angehörigen der Miliz oder der Armee ermordet wurden. Die Ausschreitungen dauerten stundenlang an, unter den Toten waren auch Frauen und Kinder. Gegen Abend trafen weitere Sicherheitskräfte am Ort ein und beendeten das Pogrom. Etwa 100 Täter wurden festgenommen, darunter Dutzende Angehörige von Armee und Miliz.
Die Ausschreitungen beschränkten sich nicht auf die Stadt Kielce, sondern griffen auch auf ihre Umgebung über. Vor allem in Zügen und Bahnhöfen wurden mindestens 30 Juden gelyncht.
Bild:Kielce, o.D., Historische Ansichtskarte, gemeinfrei
Kielce, o.D., Historische Ansichtskarte, gemeinfrei

Bild:Kielce, 2006, Haus in der ul. Planty – Hauptschauplatz des Pogroms, Grzegorz Pietrzak
Kielce, 2006, Haus in der ul. Planty – Hauptschauplatz des Pogroms, Grzegorz Pietrzak
Bei den antijüdischen Ausschreitungen von Kielce wurden 42 Menschen ermordet – Kinder, Frauen und Männer. Unter den Opfern waren drei Polen; sie wurden möglicherweise getötet, weil sie die Juden schützen wollten. Weitere 30 Juden wurden entlang der Bahnlinie in der Umgebung von Kielce ermordet.
Mehr als 30 Juden überlebten das Pogrom verletzt, zum Teil schwer. Die Verletzten wurden am nächsten Tag nach Warschau evakuiert, nachdem klar geworden war, dass sie im Krankenhaus nicht richtig versorgt wurden.
Bild:Kielce, 1946, Verwundete nach dem Pogrom, Yad Vashem
Kielce, 1946, Verwundete nach dem Pogrom, Yad Vashem

Bild:Kielce, 2009, Grabstein aus dem Jahr 1946 für die Opfer des Pogroms, Ely1
Kielce, 2009, Grabstein aus dem Jahr 1946 für die Opfer des Pogroms, Ely1
Die Opfer des Pogroms wurden vier Tage später in einem gemeinsamen Grab am jüdischen Friedhof beigesetzt. Die Zeremonie, an der auch Regierungsvertreter aus Warschau teilnahmen, glich einer politischen Kundgebung.
Die meisten der etwa 100 festgenommenen Teilnehmer des Pogroms wurden kurze Zeit später freigelassen. 12 Täter wurden vor ein Militärtribunal gestellt, drei von ihnen wurden zu langen Haftstrafen, neun zum Tode verurteilt. Die Todesurteile wurden bereits am 12. Juli 1946 vollstreckt.
Trotz der scheinbar heftigen Reaktionen der kommunistischen Regierung hatte das Pogrom enorme Auswirkungen für die weitere Entwicklung jüdischen Lebens in Polen. Die allermeisten Juden verstanden es als Signal, dass sie keine Zukunft mehr in Polen hätten, und setzten alles daran, auszuwandern. Nur schätzungsweise wenige zehntausend blieben danach im Land.
Über das Pogrom von Kielce wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten geschwiegen, erst nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erschienen Bücher und Dokumentarfilme zum Thema. 2006 legte das polnische Institut der Nationalen Erinnerung (IPN) einen Untersuchungsbericht zum Thema vor. Viele Verschwörungstheorien wurden dabei entkräftet. Im gleichen Jahr erschien das Buch »Angst« des polnisch-amerikanischen Historikers Jan T. Gross, das für heftige Diskussionen in Polen sorgte, da viele Polen ihre Nation als antisemitisch verunglimpft sahen.
In Kielce gibt es verschiedene Orte, an denen der Opfer des Pogroms gedenkt wird. Am Gebäude in der ul. Planty hängt seit 1990 eine Gedenktafel, sie wurde von Lech Wałesa, Führer der Gewerkschaft Solidarność, initiiert. Nicht weit davon gibt es ein Denkmal, das 2006 auf Initiative einer amerikanischen Organisation errichtet wurde.
2010 wurde neben dem Grab der Opfer am jüdischen Friedhof ein neues Denkmal eingeweiht. Es besteht aus einer zerbrochenen Granitplatte, deren Bruchlinien einen Davidstern ergeben. Für die Realisierung des Denkmals und die Pflege des Friedhofs zeichnet die Jan-Karski-Gesellschaft (polnisch: Stowarzyszenie im. Jana Karskiego) verantwortlich.
Bild:Kielce, 2006, Gedenktafel am Haus in der ul. Planty, Halibutt
Kielce, 2006, Gedenktafel am Haus in der ul. Planty, Halibutt

Bild:Kielce, 2010, Neues Grabmal für die Opfer des Pogroms auf dem Jüdischen Friedhof, http://en.jankarski.org.pl/
Kielce, 2010, Neues Grabmal für die Opfer des Pogroms auf dem Jüdischen Friedhof, http://en.jankarski.org.pl/
Name
Upamiętnienie ofiar pogromu kieleckiego
Adresse
ul. Planty 7
25-508 Kielce
Telefon
+48 (0) 41 343 28 40
Fax
+48 (0) 41 343 28 40
Web
http://en.jankarski.org.pl/
E-Mail
bogdan.bialek@charaktery.com.pl
Öffnungszeiten
Die Denkmäler im Stadtgebiet sind jederzeit zugänglich. Ein Besuch des jüdischen Friedhofs lässt sich durch die Jan-Karski-Gesellschaft (Stowarzyszenie im. Jana Karskiego) organisieren. Weitere Informationen unter www.jankarski.org.pl/kontakt
Angebot
Führungen am jüdischen Friedhof